Karriere eines Provinzweins

Als August Herold, Leiter des Rebenforschungsinstituts
in Weinsberg, 1955 den Dornfelder züchtete, suchte er eine Rebsorte,
die den blassen deutschen Rotweinen optisch ein bisschen auf die Beine half.
Die Traube, der er den Namen des Institutsgründers Immanuell Dornfeld
gab, sollte nur zum Verschnitt dienen, aber niemals einen eigenständigen
Wein ergeben. Doch mit dem Kreuzungsversuch WS341 lief irgend etwas nicht
nach Plan, denn der Dornfelder gehört heute zu den populärsten
Rotweinen Deutschlands. Wer in einer Bar in Köln oder Berlin beim Bestellen
Savoir Vivre zeigen will, ordert getrost einen "Dornfelder". Damit
hat er die Gewissheit, dass er nicht als ahnungsloser Trendsurfer durchfällt,
der opportunistisch "Chardonnay" oder noch schlimmer "Pinot
grigio" bestellt. Noch läuft er Gefahr, dass der Kellner die Augen
verdreht und irgendeine Uraltflasche aus dem Schrank holt, auf deren Etikett
ein paar fette Putten um einen Satz Runenlettern herumlungern. "Ein
Pieselpötter Schnepfenwasser, bitte schön", und das war's
mit dem coolen Auftritt.
Dabei hatte der Wissenschaftler selbst sein Geschöpf unterschätzt.
Erst Ende der 70er Jahre fand sich in der Südpfalz eine Winzergenossenschaft,
die sich für Herolds Klon interessierte und prompt herausfand, dass
in dem Tropfen mehr als Pigmente steckten. "Der schmeckte auf einmal
nach Kirsche", erinnert sich Jürgen Grallert, damals Kellermeister
der Genossenschaft Deutsches Weintor, an die ersten Verkostungen, bei denen
sich die Önologen erstaunte Blicke zuwarfen. Nach verschiedenen Anlaufschwierigkeiten
ging es bald steil bergauf. In der Pfalz, aus der schon jetzt jede vierte
Flasche deutschen Weins kommt, eroberte sich keine andere Sorte in so kurzer
Zeit so viel Anbaufläche. Und die Zuwachsraten sind noch immer zweistellig.
Obwohl sich der Dornfelder auf den ersten Blick so gar nicht als Trendgetränk
eignet. Seit Massenweine wie der Müller-Thurgau unter Weintrinkern
als typische Niveaulosigkeit der 70er Jahre gelten, werden Kreuzungen in
Deutschland zunehmend unbeliebter. Das gilt besonders für die Pfalz,
an der noch bis vor einiger Zeit das Etikett "Süßliche Weinstraße"
als Makel für billig erzeugte Massenware klebte. Marketingspezialisten
dreht sich schon bei dem Namen der Magen um: Dornen stechen und dann noch
vom Feld, das klingt wie eine mehligkochende Kartoffelsorte. Während
dessen schmeichelt die ausländische Konkurrenz mit Namen wie Merlot
und Sangiovese in den Ohren. Trotzdem schwimmt der Dornfelder obenauf, denn
er hat Talente. Seine Säure ist nicht zu vordergründig, seine
Fruchtaromen dafür würzig und alles zusammen schnell präsent.
Ganz anders als viele Rotweine, die jahrelang reifen müssen und bis
dahin bitter und unzugänglich schmecken. Außerdem sieht Dornfelder
immer aus wie Rotwein, denn aus den üppigen Trauben wird ein dunkellila
Saft gewonnen. Die Winzer mögen ihn nicht nur, weil er viele Trauben
trägt. Der Dornfelder wächst zudem schneller (das macht ihn unempfindlicher
für Fröste) und zeigt eine bessere Resistenz gegen Fäulnis
und Schädlinge. So viel Erfolg erzeugt Begehrlichkeiten. Da kommen
zuerst die Massenerzeuger, die die hohen Erträge der Sorte bis über
die Schmerzgrenze steigern und so eine unglaubliche Schwemme schlechten
Weins produzieren. Da der Dornfelder gefragt ist, fallen auch ihre Gewinne
groß aus. Allerdings nur bis der gute Ruf verpanscht ist.
Dornfelder stellt keine hohen Ansprüche an den Boden, das Klima oder
den Kellermeister. "Tintenfass" und "Trittbrettfahrer des
Rotweinbooms" schimpften noch kürzlich ein Paar Kritiker, denen
der leichtfüßige Erfolg offenbar nicht passte. Umsonst, in einer
Fachzeitschrift wurde ein Dornfelder mit Abstand zum "Markenwein des
Jahres" gewählt. An der pfälzischen Weinstraße werden
immer öfter desorientierte Weinfreunde gesichtet, die den Ort Dornfeld
suchen. Das verdrießt die Rieslingfront. Die deutscheste aller Reben
erbringt hier die besten Weine zu den besten Preisen. "Im unteren Bereich
ist Dornfelder durchaus besser als Spätburgunder", räumt
Achim Kirchner von Dr. Bürklin-Wolf etwas unwillig ein. Das Wachenheimer
Weingut zählt zur Hautevolee in der Pfalz und gehört bei Rieslingprämierungen
zu den gewohnheitsmäßigen Abräumern. Ganz nebenbei hat man
aber doch einige Flächen mit Dornfelder bepflanzt. Ein unkomplizierter
Wein, der sich verkauft, hat seine Vorteile gegenüber hochdekorierten
Kreszenzen, die leicht im Regal verstauben. " 'S is aach immer a Frag
des Markeding," sinniert Heinz Faubel vom Weingut Ullrichshof auf pfälzisch.
Der Familienbetrieb lebt, wie etwa 1800 andere in der Region, weitgehend
von der Direktvermarktung an Stammkunden. In diesem Geschäft ist Dornfelder
ein sicheres Standbein, denn den baute schon sein Vater an, und seit Sohn
Gerd Erfahrungen im Burgund gemacht hat, stehen im weitläufigen Keller
des Jugendstilanwesens auch ein paar Barriques.
Das sind Eichenholzfässer, die den
Wein nach französischem Vorbild mit einem markanten Holzton veredeln.
Noch wirken die kleinen Fässer auf dem Ullrichshof etwas verloren zwischen
den riesigen Edelstahlzylindern, in denen die anderen Weine lagern. Einen
ganzen Keller voll mit Barriques hat Werner Knipser. Der Diplomchemiker
begann, trockene Rotweine im Barrique anzubauen, als weite Teile der deutschen
Weinwelt noch mit Vokabeln wie "Süßreserve" um sich
warfen.
Nach einigen Experimenten kamen die Brüder Knipser 1980 mit ihrem ersten
Dornfelder auf den Markt, damals noch etwas ungläubig beäugt.
Aber das pfälzische Rotweinwunder war losgetreten und Knipser nicht
mehr zu bremsen. Er wurde zu einem der gefeiertsten Vorreiter, vor allem
weil er mit regionaltypischer Dickköpfigkeit auf die Vorgaben des unseligen
Weingesetzes pfiff, das nur bestimmte Sorten in einem Anbaugebiet zulässt.
An Rotwein pflanzte er so ziemlich alles, was in den Laumersheimer Kalkböden
Wurzeln schlägt. Vom St. Laurent bis zum Syrah, vom Cabernet Sauvignon
bis zum Lemberger. "Die meisten davon illegal."
Noch heute gibt es den Dornfelder in drei Qualitäten bei Knipser. Wenn
der Jahrgang es zulässt, baut er die beste in brandneuen Barriques
aus. Besonders ärgerlich für die Miesmacher: Der Flirt mit dem
Fässchen macht aus dem kleinen Südländischen einen Latin
Lover.
"Schlicht", urteilt trotzdem Kritikerguru Hugh Johnson
abfällig. Verwunderlich, denn der Dornfelder hat Körper und Extrakt,
ist harmonisch und rund, und vor allem schmeckt er nicht typisch deutsch.
Sondern wie Weine aus Italien, die zusammen mit der Toskana-Fraktion für
den deutschen Rotweinboom maßgebliche Verantwortung tragen. Dornfelder
assoziiert ein Stück Urlaub am Mittelmeer mit warmen Nächten,
Zikaden und Abendessen unter freiem Himmel. Diese Geschichten kann kein
anderer deutscher Wein erzählen. Und schön rot ist er auch.
Rote Spezialität aus der Pfalz: ein
Dornfelder vom Weingut Kreutzenberger mit einem ausgesucht hübschen
Etikett im Bauhaus-Stil
